Stadt sperrt marode Stege an der Kiellinie – Sportler der Rudergesellschaft Germania müssen Boote weit schleppen

Sabine Köhler steht an der Kiellinie und blickt auf ein Schild in roter Signalfarbe: „Dieser Steg ist bis auf Weiteres gesperrt! Betreten verboten!“ Seit zwei Wochen ist der Rudergesellschaft Germania Kiel ihr einziger Weg aufs Wasser versperrt. „Wir sind deshalb vorzeitig ins Winterprogramm gewechselt“, sagt die Vorsitzende der Rudergesellschaft.
Das Problem lässt sich offenbar nicht schnell beheben. „Die Schäden an den Gründungspfählen sind bereits so weit fortgeschritten, dass die Möglichkeit einer Sanierung nicht gegeben scheint“, teilte die Stadt auf Anfrage der Kieler Nachrichten mit. Auch die benachbarte Brücke 4, die vom Kanu-Klub und vom Segelcamp genutzt wird, wurde nach einer Untersuchung durch Taucher vorerst gesperrt. „Die Standsicherheit der Pfähle unter den Brücken ist stark beeinträchtigt.“ Wassersportler und Stadt hoffen nun, dass zumindest die Brücke des Kanu-Klubs zur kommenden Saison repariert werden kann. „Nach aktuellem Stand ist die Brücke 4 voraussichtlich bis zum Ende des ersten Quartals 2027 gesperrt“, teilt die Stadt mit. Sie werde derzeit weiter untersucht, ein Ergebnis stehe noch aus.
Wie es für die Ruderer der Germania weitergeht, ist völlig unklar. Seit der Sperrung ruht das Anfängertraining. „Das ist schade, weil wir gerade vermehrt Anfragen durch den Kinofilm ‚Adams Acht‘ haben.“ Immerhin können Einer- und Zweierboote über den Badesteg des Segelcamps ins Wasser gebracht werden.
„Um den Kanuten und Ruderern weiterhin einen Wasserzugang zu ermöglichen, hat Kiel-Marketing den Steg umgebaut und einen kleinen Zugang für Boote aus der Badefläche ausgeklammert“, erklärt Johannes Hesse, Geschäftsführer von Kiel-Marketing. Er freue sich über die solidarische Unterstützung aus der Badecommunity und das gute Miteinander von Badegästen und Wassersportlern.
„Wenn es im Frühjahr noch so ist wie jetzt, dann haben wir ein Problem.“
Sabine Köhler, Vorsitzende der Rudergesellschaft Germania Kiel
Für die Ruderer der Germania in den größeren Booten, die noch nicht ins Winterprogramm wechseln möchten, bedeutet das einen langen Weg über die Kiellinie: Mit den Booten im Gepäck geht es rund 300 Meter zum Ersten Kieler Ruder-Club (ERKC). „Die haben es in sich. Auf dem Rückweg werden die Arme lang“, sagt Köhler.
Der ERKC lässt den Nachbarverein während der Sperrungden eigenen Steg mitnutzen – wohlwissend, dass es auch den eigenen Verein hätte treffen können. „Auch unser Steg wurde von Tauchern untersucht. Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen, dass der Kelch vorerst an uns vorbeigegangen ist“, sagt Bernd Klose, Vorsitzender des ERKC. „In der Haut der Germanen und der Kanuten möchte ich aktuell nicht stecken. Was soll ein Wassersportler machen, der keinen Zugang zum Wasser hat?“
Aus den Ruderstegen könnte politischer Zündstoff werden: Für Ärger bei der CDU-Ratsfraktion sorgt, dass die ursprünglich in der Investitionsplanung vorgesehenen Gelder für die Sanierung der Ruderstege wegen der angespannten Haushaltslage nicht im Plan für 2027 bis 2030 auftauchen. Eine entsprechende Anfrage ist für die Sitzung des Sportausschusses am Donnerstag gestellt.
„Eine längerfristige Sperrung ohne belastbaren Zeitplan und ohne Prüfung einer praktikablen Ersatzlösung wäre für die Vereine und ihren Trainingsbetrieb eine erhebliche Belastung“, sagte CDU-Ratsherr Sebastian Thiede. „Wir wollen deshalb nicht nur wissen, warum sich die Haushaltsplanung verändert hat. Entscheidend ist, wie eine verlässliche Lösung für die Wassersportlerinnen und Wassersportler aussieht.“
Die Germania-Vorsitzende übt sich derweil in Optimismus und spricht von konstruktiven Gesprächen mit der Stadt. Die 69-Jährige weiß aber auch, dass es eine schnelle Lösung braucht – selbst wenn sie nur provisorisch ist: „Wenn es im Frühjahr noch so ist wie jetzt, dann haben wir ein Problem.“
Text: Tobias Hollenbach, Kieler Nachrichten vom 8 Oktober 2026
Foto: Frank Peter