Stilrudern

Historische Bild von 1930 mit 5 Frauen in einem Ruderboot an einem Holzsteg im Hintergrund eine Personengruppe neben einem Holzschuppen

1930 Flensburger Ruderregatta Siegerinnen im Stilrudern: Stf. Anni Heitmann (Krisch), Erna Kadow, Hannaliesa Glawe, Anni und Minna Jipp

Stilrudern ist Ruder-Wettkampfdisziplin, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts ursprünglich für Frauen entwickelt wurde, da diese in den Anfangszeiten des Rudersports nicht an Ruderregatten teilnehmen durften. Grazie und Anmut statt Schweiß und Anstrengung. Denn es galt als unschicklich und medizinisch höchst bedenklich, wenn Damen sich sportlich betätigten. … Nach wie vor stehen Ästhetik und technische Eleganz im Vordergrund, … (Wikipedia)

“… Primär aber ist die Entstehung und Entwicklung des Stilruderns ein Zugeständnis an die Kritik der Herrenruderer, die in dieser Form des Wettkampfes die Bestätigungsform sahen, die dem weiblichen Körper und dessen Leistungsfähigkeit entsprach. Die Gefahr der Vermännlichung schien dadurch gebannt und nicht zuletzt wurde dem Ästhetikempfinden der Männer Rechnung getragen. … Trotzdem sind die Anfänge des Stilruderns nicht im Frauenrudern verwurzelt. Bereits 1914 hatte der Berliner Jugendruderverband für seine Mitglieder Wettbewerbe im Stilrudern ausgeschrieben. Körper- und Wasserarbeit wurden mit je fünf Punkten als Höchstleitung bewertet. Das erste Stilrudern für Damen fand am 21. Sept. 1919 vor dem Restaurant Hirschgarten in Berlin statt. Der Kampf wird nur in Skullbooten ausgetragen. Maßgeben für den Sieg ist die ästhetische Gesamteindruck einer Mannschaft, der sich ausgeglichener und sauberer Arbeit ergibt.

Fehler in der Ruderarbeit werden mit Strafpunkten belegt und zwar mit je einem Punkt gestraft:

  • Schlechter, ungenauer Eindatz ohne merkbaren Anriß.
  • Krummer Rücken bei Rückschwung und schiefes Schwingen.
  • Ungleichmäßiges Schwingen innerhalb der Mannschaft.
  • Zu tiefer Durchzug (es wird aus den Armen und nicht aus dem Nacken gerudert).
  • Der Kopf wird nicht in der Verlängerung gehalten, sondern sinkt am Ende des Rückschwunges mit dem Kinn zur Brust.
  • Der Rollsitz wird falsch gebraucht.
  • Die Arme werden nicht an den Rippen entlang zurückgeführt, sondern die Ellbogen seitlich gebogen.
  • Das Blatt wird vor dem Herausnehmen am Ende des Durchzuges unter Wasser gedreht.
  • Die Hände werden nicht schnell von der Burst fort und wieder in die Ausgangslage gebracht (der Oberkörper bleibt zu lange hinten liegen.)
  • Schnelles Vorrollen mit zu weit geöffneten Knien.

Sieger ist das Boot, das die wenigsten Strafpunkte aufweist; …

Die Kampfstrecke muss wenigstens 300m betragen und in ihrer  ganzen Länge von den Richtern eingesehen werden können. Sie muß hin und zurück durchmessen werden. Die Zeichen zum Abfahren wird durch einen Richter dem Steuermann gewinkt. Die Diskussion um die richtige Bewertung im Stilrudern ist so alt wie das Stilrudern selbst. …“ (Hutmacher, Anne: Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland, Diss., Köln 2020, S. 190 ff.)

1919 Stilrudern für Frauen

“Das Wettkampfrudern für Frauen begann 1919 mit dem Stilrudern, das 50 Jahre lang unter ständigem Wandel und Anpassung an die Gegebenheiten durchgeführt worden ist. So entwickelte sich der ‚Stil‘ von einer ehemals vorgeschriebenen starren Haltung hin zum natürlichen und ökonomischen Rudern.

Daß technisch gekonntes Rudern sehr hoch anzusetzen ist, steht außer Zweifel. Dennoch wurden immer wieder Einwendungen gegen das Stilrudern erhoben. Die Anforderungen im Wettkampf wahre wegen der starken nervlichen Belastungen  – auch ohne ‚Stechen‘ – sehr hoch. Darüber hinaus schuf die subjektive Beurteilung manche Enttäuschung, wenngleich zuletzt die öffentliche Wertung zum Einsatz von möglichst fünf Punktrichtern vorgeschrieben war. Am meisten aber quengelten die Regattaveranstalter, die für das Stilrudern nur vor Regattabeginn oder während der Kaffeepause Zeit einräumen konnten. Die Durchführung des Stilruderns, das nur nationale Bedeutung hatte, war sehr aufwendig. – Um das Für und Wider wurde heftig gestritten. – Ab 1070 entfielen die Stilruderwettbewerbe sowohl beim Deutschen Meisterschaftsrudern als auch bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. 1919 hatten die Ruderinnen sich ausschließlich für Wettbewerbe im Skullboot entschieden, und daran änderte sich – obgleich die internationale Entwicklung einen anderen Weg nahm – ebenfalls 50 Jahre lang nichts. …

1964 Jungruderinnen im Doppelvierer

1964 wird das Rennboot für Jungruderinnen eingeführt. Die Bestenkämpfe sehen erstmals Rennen im Doppelvierer m. Stm. sowie Stilrudern im Doppelvierer m. Stm. vor.” (Elfriede Schumann, Hamburg: Der DRV und sein Frauenrudern; Rudersport 5/83.)

 “Das Stilrudern ist und bleibt die unentbehrliche Grundlage für spätere gute Trainingsleistungen, Rennrudern, als Seele des Kampsports, wird immer Trumpf bleiben. Eine Frau leitet im Kampfspot nur soviel, als sie ihrem Körper und ihrer fraulichen Anmut zumuten kann. Aus diesem Grunde ist es völlig irreführend, zu sagen, dass es eine für die Frau ungeeignete Sportart wäre. Ich möchte aber betonen, dass ich es für unzweckmäßig halte, eine Ruderin sofort ins Rennen bzw. ins Rennboot zu übernehmen, ohne dass sie die gründlichen fachmännische Ausbidung zum Stilrudern genossen hat. Die Regatten zeigen immer wieder, dass die Mannschaften, die eine ausgefeilte Technik besitzen und über die nötigen Kräfte verfügen, auch ihre Rennen sicher nach Hause fahren.” (Steuerfrau Olly Lohstraeter: 1949 – Jahr des Aufbruchs; Rudersport 11/1919.)

Mai 1953 Stilruderwettbewerbe in Dortmund

Von der Bestleistung: 20 Punkte können folgende Punkte in Abzug gebracht werden. Nach den gemachten Erfahrungen hat sich gezeigt, daß bei der festgesetzten Punktzahl die Körperhaltung zu sehr in den Vordergrund trat, während Rhythmus und Fortgang des Bootes durch eine kraftvolle Ruderarbeit nicht entsprechend berücksichtigt waren.

… es könnten folgende Punkt in Abzug gebracht werden:

  • Schlechte Blattarbeit, nichtfließende und kraftlose Endarbeit       1 – 5 Punkte
  • Schlechte Körper – und Zusammenarbeit                                          1 – 3 Punkte
  • Schlechter Rhythmus                                                                        1 – 3 Punkte 
  • Nichteinheitliche Wende                                                                     1 – 2 Punkte

… Es ist die besondere Schwierigkeit des Stilruderwettbewerbs, daß die Mannschaft eine vollkommen gleichmäßige und dabei aber kraftvolle und rhythmische Arbeit mit gleichmäßigem Durchlauf des Bootes zeigen soll.”(Brief des Deutschen Ruderverbandes, Unterausschuß für Frauenrudern and alle Ruderverein vom Mai 1953)

Bestimmungen für das Frauenrudern (BF) und das Mädchenrudern (BM)

  1. Bestimmungen für das Frauenrudern
    1. Allgemeines – … Die Klassenteilung der Ruderinnen gilt getrennt für das Stilrudern und Rennrudern. Sie gilt ebenso getrennt für Gigs und Rennboote. …
    2. Stilrudern

Ziffer 1: Auf jeder Regatta mit Frauenwettbewerben soll mindestens ein Stilruderwettbewerb für jede Klasse ausgeschrieben werden.

Ziffer 2: Die Stilruderwettbewerbe können in Gigs oder Rennbooten ausgetragen werden. Ruderinnen, die in Rennbooten gestartet haben [sind], dürfen nur an Stilruderwettbewerben im Rennboot teilnehmen.

Ziffer 3: Jeder Stilruderwettbewerb muß von mindestens drei Schiedsrichtern beurteilt werden. Für sie gelten die Vorschriften des § 59 Abs. 2 AWB.

Ziffer 4: …

Ziffer 5: Die Schiedsrichter haben sich getrennt aufzustellen. …

Ziffer 6: Die Boote werden im Abstand von ½ Minute abgelassen.

Ziffer 7:  Das erste Boot darf nach der Wende erst wieder anfahren, wenn das letzte Boot die 1. Bzw. 2. Vorbeifahrt beendet hat.

Ziffer 8: Bei der Beurteilung müssen die Boote dreimal an den Schiedsrichtern vorbeirrudern. Nach der ersten Wende ist folgende Übung einzulegen:

5 Schläge im normalen Stilrudertempo, 10 Schläge im Renntempo, und dann weiter im normalen Stilrudertempo. Nach der 2. Wende wird wieder ein normales Stilrudertempo gefahren.

Ziffer 9: Die Bewertungsstrecke soll insgesamt 1000 m lang sein. [“Die Streckenlänge betrug anfänglich 800m, 1920 wurde sie auf 1.000m verlängert.” Hutmacher, Anne: Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland, Diss., 2010, S. 182 / Becker, Ellen: Mit Rock und Riemen, S. 97.]

Ziffer 10: gewertet wird nach Punkten. Bei der Bewertung darf keine Rücksicht auf die Klassenzugehörigkeit der Mannschaft genommen werden. Jeder Schiedsrichter beurteilt die Gesamtleistung nach den im Anhang gegebenen Richtlinien.

Es ist von der Höchstleistung von 20 Punkten auszugehen. Hiervon werden in Abzug gebracht für:

  • Schlechte Blattarbeit                                                             1 –  5 Punkte
  • Schlechte Körperarbeit                                                         1 –  5 Punkte
  • Nichtfließende und kraftlose Beinarbeit                            1 –  3 Punkte
  • Schlechte Zusammenarbeit                                                  1 –  3 Punkte
  • Schlechter Rhythmus                                                             1 –  3 Punkte

Ziffer 11: Aus den Punktzahlen jedes Schiedsrichters wird eine Rangreihe gebildet, wobei die Mannschaft mit der höchsten Punktzahl den Rangplatz 1 erhält, die nächste den Rangplatz 2 usw. Bei Punktgleichzahl von z. B. 3 und 4 erhalten beide Bewerber den Rangplatz 3,5; bei Punktgleichheit von z. B. 5, 6, 7 erhalten alle drei den Rangplatz 6. Die Rangplätze aller Schiedsrichter werden jede Mannschaft zusammengestellt. Sieger ist die Mannschaft mit der niedrigsten Endrangziffer. …

Ziffer 15: Die Wertung der Schiedsrichter ist unanfechtbar. …”

(17 Ziffern. Bestimmungen für das Frauenrudern (B. F. ) und das Mädchenrudern. (B. M.) Hrsg. vom Deutschen Ruderverband. Fassung 1952)

“Eine dritte Gruppe – erste Gruppe: Frauen, die auf keinen Fall auf den direkten Kampf  Boot an Boot  verzichten wollten; zweite Gruppe: Frauen, die den Sport als Ausgleich zum beruflichen Alltag sahen und überhaupt kein Interesse an einer Regattateilnahme bekundeten – favoristierte die Disziplin Stilrudern. Hier gewann die Mannschaft, die am einheitlichsten und schönsten rudern konnte.” (Hutmacher, Anne: Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland.; Diss., S. 183.)